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Fortsetzung sozialpolitischer Projekte und Abschied aus Bundesbern.

Jahresbericht aus dem Nationalrat
von Christine Goll, Nationalrätin

Heute schreibe ich meinen letzten Bericht aus dem Nationalrat. Ich habe mich bereits vor längerer Zeit entschieden, dass dies meine letzte Legislatur als Nationalrätin werden würde. Vor einem Jahr bin ich als Präsidentin der Gewerkschaft vpod zurückgetreten, nachdem ich mich sechs intensive Jahre lang für die Erhaltung und Stärkung des Service public eingesetzt habe. Meinen Ausstieg aus der gewerkschaftlichen Funktion und meinem politischen Mandat hatte ich etappenweise geplant. Ich wollte nicht alles auf einmal, dem ich mich über einen sehr langen Zeitraum mit Haut und Haaren verschrieben hatte, gleichzeitig an den Nagel hängen. Nach fast einem Viertel Jahrhundert institutioneller Politik möchte ich beruflich etwas Neues anpacken. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dazu, bleibt mir doch noch eine Dekade bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters. Selbstverständlich bleibe ich der Gewerkschaftsbewegung verbunden. So habe ich mich unter anderem für das diesjährige Programm von Movendo, des Bildungsinstitutes der Gewerkschaften, verpflichtet, eine Reihe von Kursen für Basismitglieder im Sozialversicherungsbereich anzubieten. Und selbstverständlich werden meine politischen Aktivitäten nach dem nächsten Wahlherbst nicht einfach erlahmen.



Goll Christine

Christine Goll, Nationalrätin und Mitglied der SP6


Steuerinitiative


Es gibt ja genügend Formen der politischen Mitwirkung. Bis Ende November, also bis zum Ende dieser Legislatur, werde ich auch mit Volldampf an denjenigen politischen Dossiers arbeiten, die mir am Herzen liegen. Dazu gehören in erster Linie die sozial- und gesundheitspolitischen Vorlagen. Zwei Bespiele möchte ich speziell hervorheben: Die angekündigte nächste AHV-Revision und die bereits laufende 6. Revision der Invalidenversicherung (IV).

Im Bereich der Altersvorsorge konnten wir bedeutsame Erfolge erzielen: So haben wir im letzten Frühjahr in einer Volksabstimmung die Kürzung der Pensionskassenrenten verhindert und vorläufig ist auch der AHV-Abbau vom Tisch. Anfang Oktober versenkte eine Mehrheit im Nationalrat die von Anfang an falsch aufgegleiste 11. AHV-Revision. Die Medien sprachen von “un-heiliger Allianz zwischen SP und SVP" und dass keine “Reformen" möglich wären. Doch was ist die wahre Geschichte dahinter? Wir haben bereits bei der Erstauflage der 11. AHV-Revision 2004 das Referendum haushoch gewonnen. Fast 70 % der Stimmberechtigten lehnten damals den Leistungsabbau bei der AHV ab. Kaum ein Jahr später präsentierte der damalige Bundesrat Couchepin bereits eine Neuauflage mit praktisch denselben Abbaumassnahmen. Dank bürgerlichem Schulterschluss von CVP, FDP, BDP und SVP resultierte eine Revision, die mit der Schwächung des Mischindex Rentenkürzungen für Alle bedeutet hätte. Zudem wäre das Rentenalter der Frauen ohne Kompensation mit einer sozial ausgestalteten Flexibilisierung erhöht worden. Von “Reform" kann also keine Re-de sein. Die “Allianz" mit der Linken kam zustande, weil die SVP kalte Füsse kriegte. Sie stimmte in der Schlussabstimmung im Parlament ebenfalls Nein, weil sie wusste, dass ein AHV-Abbau vor dem Volk keine Chance gehabt hätte.

Es ist jetzt höchste Zeit, dass wir uns vehement für eine substantielle Erhöhung der Renten einsetzen. Die AHV wurde letztmals bei der 8. Revision in den 70er Jahren spürbar verbessert. Mit der 9. Revision erfolgte 1979 die automatische Rentenanpassung mit dem Mischindex. Die 10. AHV-Revision war mit der Einführung von Splitting sowie Erziehungs- und Betreuungsgutschriften ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung der Geschlechter - allerdings verbunden mit dem hohen Preis der Rentenalter-Erhöhung. Die alle zwei Jahre stattfindenden Rentenanpassungen aufgrund des Mischindex sind zwar ein Fortschritt, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Renten den Löhnen hinten nach hinken. Der Grund liegt darin, dass der Mischindex je zur Hälfte die Preis- und die Lohnentwicklung berücksichtigt. Dadurch nehmen die AHV-Leistungen im Verhältnis zum letzten Lohn kontinuierlich ab (kalte Degression). Die Entwertung des Renteneinkommens wird verschärft, weil der Teuerungsausgleich bei der 2. Säule kaum mehr existiert. Das Leistungsziel unseres Systems der Altersvorsorge wird so definiert, dass mit 60 % des früheren Einkommens die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung möglich sein soll. Nur: 60 % eines Einkommens von 5'000 Franken (= 3'000 Franken) reichen im Gegensatz 60 % von 10'000 Franken (= 6'000 Franken) nicht zum Leben.

Ziel der 6. IV-Revision ist eine Reduktion um 5 % oder 12'500 gewichtete Renten innerhalb von sechs Jahren. Das bedeutet, dass rund 17'000 Menschen eingegliedert werden müssen. Dazu kommen mehrere tausend Personen, die aufgrund der 5. IV-Revision eine gekürzte oder gar keine Rente mehr erhalten. Zudem will der Nationalrat Personen mit bestimmten Krankheitsbildern von Versicherungsleistungen ausschliessen, was in der Praxis weitere 90'000 Rentenbeziehende mit psychischen Krankheiten treffen könnte. Ohne Arbeitsplätze ist Integration nicht möglich. Wenige Betriebe sind heute bereit, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, wie die jüngste Untersuchung der Pro Infirmis bestätigt. Der grosse Arbeitgeber Bund verhält sich mit eine Quote von 0,6 % alles andere als vorbildlich. Die staatlich finanzierten Unterstützungsmassnahmen für die Arbeitgeberseite werden stetig ausgebaut: Dazu gehören unter anderem Einarbeitungszuschüssen, Umrüstungen oder Hilfs-mittel am Arbeitsplatz, vielfältige Früherfassungs- und Integrationsmassnahmen, Beratung, Coaching und Case Management. Den Versicherten werden zahlreiche Pflichten, teilweise auch Schikanen, auferlegt sowie Sanktionen ausgesprochen, wenn sie nicht kooperieren. Die 6. IV-Revision zieht die Schraube für gesundheitlich angeschlagene Arbeitnehmende also noch fester an. Mit dem 2. Massnahmenpaket, das in Kürze folgt, werden noch schmerzhaftere Renteneinbussen angepeilt. Angekurbelt wird damit lediglich eine Integrationsindustrie, die es auch nicht schaffen wird, alle aus der IV abgeschobenen Menschen im 2. Arbeitsmarkt oder in “beschäftigungstherapeutischen" Kursen zu parkieren, geschweige denn auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen. Höhere Altersrenten und Arbeitsplatz-Quoten für Behinderte: Das sind zwei politische Projekte, an denen ich sicher auch nach meinem Abschied aus Bundesbern weiterarbeiten werde. Und es sind zwei Themen unter zahlreichen, über die ich in den vergangenen bald 20 Jahren Nationalratsarbeit viel gelernt und für die ich mich mit voller Überzeugung engagiert habe. Ursprünglich wollte ich dieses Mal in meinem alljährlichen Bericht aus dem Nationalrat auf meine ganze Zeit im Parlament zurückblicken. Schnell ging mir auf, dass dies den Rahmen unseres SP6 GV-Info sprengen würde. So bleibt mir zum Schluss nur ein grosses Dankeschön an meine Sektion für die Unterstützung in der Vergangenheit und eine herzliche Einladung zum Abschiedstrunk an unserer Mitgliederversammlung vom 28. November an Euch alle - wie gesagt: nur ein Abschied aus Bundesbern, nicht von meiner Sektion!
Letzte Änderung: 22.4.2012, 16:22 Uhr SP6.
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