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Micheline Calmy-Rey
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Veranstaltung von Micheline Calmy-Rey im Kreis 6
Am 22. Januar 2009 fand in der Kirchgemeindesaal Paulus im Kreis 6 organisiert von der SP6 und mitgetragen von der Kreissektion der Grünen im Kreis 6 und dem Überparteilichen Zürcher Komitee für die Bilateralen eine öffentliche Veranstaltung zu den bilateralen Verträgen und der Personenfreizügigkeit statt. Die Moderation führte Markus Spillmann, Chefredaktor der NZZ.

M. Clamy-Rey und M.Spillmann
Bundesrätin Micheline Calmy-Rey mit Markus Spillmann Chefredaktor NZZ.
MCR Saal
Gegen 300 Personen fanden sich im Kirchgemeindesaal Paulus ein,
um sich Micheline Calmy-Reys Argumente für die Personenfreizügigkeit anzuhören.

Das Interview mit Micheline Calmy-Rey führte
Simone Buchmann (SP6).



Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sieht in den Bilateralen I und im freien Personenverkehr so etwas wie ein Konjunkturprogramm, das die Wirtschaft in trüben Zeiten zusätzlich stützt. Bei einem Nein würde es uns in jedem Fall schlechter gehen.

MCR-Interview
Robert Neukomm, Simone Buchmann und Micheline Calmy-Rey
Frau Bundesrätin Calmy-Rey, wir haben von der Regierung viel über die Vorzüge der Personenfreizügigkeit gehört. Gibt es auch Verlierer?
Micheline Calmy-Rey: Nein, es gibt nur Gewinner. Es geht um die Bilateralen Abkommen I insgesamt, welche für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Schweiz und darum für unsern Wohlstand und die Arbeitsplätze entscheidend sind.
Ist das überhaupt möglich? Es gibt doch immer auch Verlierer.
Calmy-Rey: Die Personenfreizügigkeit und die Bilateralen I sind für die Schweiz so etwas wie ein Konjunkturprogramm. Sie schaffen gute Rahmenbedingungen für unsere Unternehmen. Für diese ist es wichtig, einen gleichberechtigten Zugang zum EU-Absatzmarkt zu haben und genügend Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Gelingt ihnen dies auf dem heimischen Markt nicht, so droht die Gefahr, dass sie die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.
Die Vorteile für die Arbeitgeber sind einleuchtend. Doch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehen sich auf dem Arbeitsmarkt einer verstärkten Konkurrenz ausgesetzt. Warum soll das ein Vorteil sein für sie?
Calmy-Rey: Wir haben uns neben der Personenfreizügigkeit ja auch für Begleitmassnahmen entschieden - die sogenannten flankierenden Massnahmen gegen Lohn- und Sozialdumping. Diese regeln, dass in der Schweiz die schweizerischen Löhne und Arbeitsbedingungen eingehalten werden, und nicht die polnischen oder rumänischen. Die flankierenden Massnahmen verhindern, dass die Löhne unter Druck geraten. Für die Arbeitnehmer haben wir hier soziale Fortschritte und einen verbesserten Arbeitnehmerschutz erzielt, die wir sonst nicht hätten. Mit einem Nein gegen die Personenfreizügigkeit würden auch diese flankierenden Massnahmen wegfallen.
Ein grosses Thema bei den Schweizerinnen und Schweizern ist aber auch der verschärfte Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. Hier geht es weniger um den Lohn als um die Frage: Kriege ich den Job oder nicht? Ist diese Konkurrenz nicht einfach eine Tatsache?
Calmy-Rey: Konkurrenz gab es schon immer. Wir erleben eine schwierige konjunkturelle Phase. Wenn die Wirtschaftsleistung abnimmt, dann ist es für alle schwieriger, einen Job zu finden. Das hat primär mit der Konjunktur zu tun, nicht mit der Personenfreizügigkeit. Was die ausländischen Arbeitnehmer betrifft: Wenn in konjunkturschwachen Zeiten weniger Arbeitskräfte gesucht sind, dann kommen auch weniger. Im letzten Quartal 2008 hat die Zuwanderung bereits um die Hälfte abgenommen.
Wer wird es besonders schwer haben?
Calmy-Rey: Wie gesagt, die Begleitmassnahmen stellen sicher, dass sich diese Konkurrenz auf einer gleichberechtigen Ebene abspielt, dass es also nicht zu einem unlauterenWettbewerb kommt.
Hätten Sie Verständnis für einen stellensuchenden Serviceangestellten, der angesichts der Aussichten in seiner Branche ein Nein in die Urne legt?
Calmy-Rey: Es wäre nicht vernünftig. Denn wenn die Bilateralen I wegfallen, schwächt das die Schweizer Wirtschaft empfindlich und dann sind seine Aussichten, eine Stelle zu finden, noch schlechter. Die Antwort auf die schwierige konjunkturelle Situation ist nicht die Abschottung. Die Antwort für uns muss sein, uns zu öffnen. Denn die Schweiz verdient einen Franken von zwei im Ausland und einen Franken von drei im Austausch mit der EU.
In der Schweiz herrscht offenbar ein grosser Mangel an Fachkräften. Sind denn unsere Hochschulen nicht gut genug, um diese Spezialisten auszubilden?
Calmy-Rey: Der Mangel hat primär damit zu tun, dass die Schweizer Volkswirtschaft für den inländischen Arbeitsmarkt allein zu gross ist. Wir Schweizer können die Nachfrage an Arbeitskräften seitens der Unternehmen gar nicht abdecken. Wir haben 600'000 EU-Erwerbstätige in der Schweiz. Deren Arbeitskraft können wir nicht durch Schweizer ersetzen - auch nicht in einer Phase der Wachstumsschwäche.
Greifen die flankierenden Massnahmen auch auf lange Sicht? Werden sich die Löhne in zehn bis zwanzig Jahren durch den freien Personenverkehr nicht ausnivellieren?
Calmy-Rey: Die EU kennt die Personenfreizügigkeit schon lange, und die Lohnniveaus in den einzelnen Ländern sind immer noch sehr unterschiedlich. Diese Nivellierung nach unten, die Sie hier ansprechen, hat sich innerhalb der EU nicht bestätigt. Wenn die Lohndifferenz kleiner wird, dann nicht, weil die Löhne in den Hochlohnländern sinken, sondern weil sie in den neuen EU-Ländern steigen.
Bei der Abstimmung geht es ja auch um die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien. Haben wir aus diesen Ländern einen Ansturm an arbeitswilligen Personen zu erwarten?
Calmy-Rey: Überhaupt nicht. Bereits heute können Rumänen und Bulgaren bei uns arbeiten. Doch die provisorischen Kontingente, die ihnen zur Verfügung stehen, sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Für Bulgarien und Rumänien sind von Mitte 2008 bis Mitte 2009 282 Aufenthaltsbewilligungen B vorgesehen. Von diesen wurden im letzten Jahr aber nur 100 in Anspruch genommen. Bei den Kurzaufenthaltsbewilligungen L waren es sogar nur 76 von 1006.
Warum kommen diese Menschen nicht?
Calmy-Rey: Vielleicht sind wir gar nicht so attraktiv wie wir denken (lacht). Nein, die Wirtschaft dieser beiden Länder wuchs in den letzten Jahren um über sechs Prozent. Und auch dieses Jahr rechnet Bulgarien z.B. mit einem Wachstum von über 4% Prozent, während wir eine Rezession befürchten müssen. Die Leute finden also zunehmend Arbeit zuhause. Vermutlich ist es auch einfach so, dass die Menschen - wie die meisten Schweizer ja auch - gar nicht gerne von zuhause weggehen.
Im Abstimmungskampf wird meistens von den Menschen gesprochen, die in unser Land kommen. Aber es gibt ja auch Schweizerinnen und Schweizer, die in ein EU-Land ziehen, um dort zu arbeiten. Von welchen Vorteilen können sie profitieren?
Calmy-Rey: Es gibt rund 400'000 Schweizerinnen und Schweizer, die in der EU leben. Aufgrund der Personenfreizügigkeit haben sie die Möglichkeit, dort ohne Einschränkungen zu arbeiten. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass mit den bilateralen Abkommen auch die gegenseitige Anerkennung von Berufsdiplomen geregelt ist. Und auch die soziale Sicherheit ist koordiniert. Es gehen bei einem Umzug also keine Leistungen der Sozialversicherungen verloren.
Die Gründe, die für die Personenfreizügigkeit sprechen, sind erdrückend. Haben wir in dieser Frage überhaupt eine freie Wahl?
Calmy-Rey: Ja, natürlich. Wir können den Weg, mit dem wir unser Verhältnis zur EU regeln, frei wählen. Ein Ja zur Personenfreizügigkeit ist ein Ja zum bilateralen Weg. Der bilaterale Weg ist etwas zwischen einer Hauptstrasse und einem Feldweg. Lehnen wir die Personenfreizügigkeit ab und müssten wir die Verträge neu aushandeln, so wäre dies ein schmaler Gebirgsweg. Und zwar einer, den wir im eisigen Winter beschreiten müssten.

Corine Mauch überreicht zum Dank Blumen an Micheline Calmy-Rey
Letzte Änderung: 17.3.2012, 13:19 Uhr SP6.
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